Besucher in der Ausstellung "150 Jahre – Architekt Albert Kahn". (Foto: Kristina Schäfer, Mainz)

Ausstellungseröffnung | Von Rhaunen nach Detroit

Ausstellungseröffnung "150 Jahre - Architekt Albert Kahn" am 21. Februar im Brückenturm Mainz

Im Jubiläumsjahr "100 jahre bauhaus" schaut das Zentrum Baukultur nicht nur auf das Bauhaus, sondern auf die ganze Bandbreite der Moderne. Das nächste Schlaglicht fiel nun auf einen der einflussreichsten Industriearchitekten des 20. Jahrhunderts.

"Albert Kahn, der 1869 im Hunsrück geboren wurde, gilt als einer der prägendsten Architekten der aufstrebenden Auto- und Flugzeugindustrie in den USA – und der damaligen Sowjetunion. Das Erscheinungsbild seiner Industriehallen und die strukturelle Rationalität seiner Industrieanlagen begeisterten die Architekten der europäischen Moderne und wurden vorbildgebend für das Neue Bauen bis in die heutige Zeit", sagte Vizepräident Frank Böhme in seiner Begrüßung.

Im Gespräch beleuchteten Böhme, Manfred Klingel, Ortsbürgermeister Rhaunen, und Prof. Jürgen Reichardt von der Münster School of Architecture die Bedeutung Kahns für Rhaunen und seine Bewohner und erörterten die Entstehung der Ausstellung sowie der Einfluss des Architekten Kahn und seines Werkes auf die Architekturgeschichte. Prof. Reichardt, der die Idee zur Auseinandersetzung mit dem in Deutschland weitgehend unbekannten Architekten hatte, betonte: "Albert Kahn hatte schon vor Walter Gropius‘ Bauhaus 50 bis 60 tolle Bauten aus Beton, Stahl und Glas in den USA realisiert. Die Bauhäusler verliehen dem ‚Neuen Bauen‘ dann noch die Ästhetik." Neben Innovationen zur Belichtung von Fabrik- und Industriehallen mit Tageslicht habe Kahn mit seinen riesigen Bürokomplexen auch den Grundstein für Teambuilding gelegt. "Kahn nahm die Bauherren und ihre Wünsche ernst. Er verstand sich wie kaum ein anderer auf das goldene Dreieck des Projektmanagements – Kosten, Zeit und Qualität. Angesichts von Bauverzögerungen, wie wir sie von Stuttgart 21 oder dem Berliner Flughafen kennen, könnten wir uns an ihm ein Beispiel nehmen", so Reichardt. Manfred Klingel, Ortsbürgermeister der rund 2.000 Einwohner großen Gemeinde Rhaunen im Hunsrück, ergänzte: "Trier hat Karl Marx, wir haben Albert Kahn." Beide wurden in Rheinland-Pfalz geboren, hatten ihre Wirkungsstätte aber in den USA.

In die Ausstellung führte Dieter Marcello ein, der bei der Konzeption weitgehend freie Hand hatte. Für den Regisseur aus Marbach am Neckar, der sich seit seinem Film "Albert Kahn (1869 - 1942) – Architekt der Moderne" von 1994 immer wieder mit ihm beschäftigte, ist Kahn der Industriearchitekt schlechthin, ja sogar der einflussreichste Architekt des 20. Jahrhunderts. Denn Kahn habe nicht nur mit seinen Industriebauten dem Bauhaus Vorbilder geliefert. Seine Industriearchitektur habe mit der wachsenden Verbreitung des Internationalen Stils auch die Ästhetik der Architektur des 20. Jahrhunderts als Ganzes beeinflusst, ist Marcello überzeugt. Zusammen mit seinem Bruder Julius entwickelte er zudem die breite und auf wissenschaftlichen Methoden gegründete Anwendung des Stahlbetons in der Architektur. Unter Kahns Leitung entstanden zahlreiche Bauten der amerikanischen Automobil- und Luftfahrtindustrie wie die viergeschossige Fabrik zur Massenfertigung des Ford T-Modells und der gigantische Industriekomplex am River Rouge. In der damaligen Sowjetunion hinterließ er ebenfalls seine Spuren: Während der großen Depression in den USA zu Beginn der 1930er Jahre plante er dort mehr als 500 Fabriken. "Mit seinen hochrationalen Industriebauten und der Fließbandproduktion schaffte Kahn die Grundlage für modernes Bauen. Zugleich verhalf er letztlich auch den Alliierten damit zum Sieg im Zweiten Weltkrieg", so Marcello.

Doch warum Kahn? Warum die USA? Warum Detroit? Hierzu lieferte der Filmemacher eine umfangreiche geografische, wirtschaftliche und historische Begründung. 1880 als Kind jüdischer Eltern in die USA immigriert, machte Kahn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine außergewöhnliche Karriere als Architekt. Auf seinem Weg zu dem "Architekten der Moderne" wurde er unterstützt, u.a. von J. Melchers, der ihm eine Stelle als Lehrling im Architekturbüro von Mason & Rice in Detroit vermittelte, seinem Chef Georg D. Mason sowie Henry Bacon, der das Lincoln-Monument erbaute. Vielfältige Unterstützung erfuhr er auch durch seine Geschwister: Julius Kahn meldete die Patente für den Stahlbau an, Luis war für die professionelle Bürostruktur zuständig und Moritz betreute die Bauprojekte in der Sowjetunion.

Und warum nun Detroit? "Ein Faktor hierfür ist sicherlich das Vorkommen der für die Stahlproduktion wichtigen Rohstoffe Eisen und Erz", so Marcello. Galt das Auto in Deutschland zunächst als Luxusgut, so konnte sich in der Autometropole Detroit jeder Arbeiter eins leisten. Die Stadt florierte. Nach dem Zweiten Weltkrieg zerfiel Detroit jedoch, Albert Kahn und sein Werk gerieten in Vergessenheit. "Heute erlebt die Stadt wieder einen Aufschwung, das Interesse an Albert Kahn wächst, zumal seine Arbeiten in Detroit noch sehr präsent sind", blickte Marcello in die Gegenwart und Zukunft. Den Abschluss der Eröffnungsveranstaltung machte ein rund zwölfminütiger Film von Marcello über das Leben und Wirken von Albert Kahn.

Die Wanderausstellung "150 Jahre – Architekt Albert Kahn" beleuchtet auf großformatigen Tafeln mit Texten, Bildern und Skizzen sowie in kurzen Filmen das Leben und das Werk des deutsch-amerikanischen Architekten. Nach Rhaunen und Mainz sind Dresden, Düsseldorf, Berlin und Venedig weitere Stationen der multimedialen Ausstellung, die es bald auch auf Englisch geben wird.

Donnerstag, 21. Februar 2019

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