Das Interesse an dem Thema Bewohnergenossenschaften war groß. (Foto: Peter Seydel, Mayen)

Information | Was einer alleine nicht vermag, können viele

Infoveranstaltung zu Wohnungsgenossenschaften in Mayen

Mit einem Zitat von Friedrich Wilhelm Raiffeisen rief Elmar Schmidt, Vorstandsvorsitzender der Volksbank RheinAhrEifel eG, den Gästen der Veranstaltung "Bewohnergenossenschaften" die Wurzeln des Genossenschaftsgedankens, der inzwischen zum immateriellen Kulturgut der UNESCO zählt, in Erinnerung. Denn am 16. Mai ging es bei der Veranstaltung des Zentrums Baukultur bei der Volksbank RheinAhrEifel in Mayen um die Frage, wie Genossenschaften helfen können, selbstbestimmtes Wohnen – gerade im Alter – zu ermöglichen. Dass dieses Thema viele Menschen bewegt, zeigte der vollbesetzte Saal eindrücklich.

"Wir brauchen bezahlbaren und auch bedarfsgerechten Wohnraum in den Städten und auf dem Land. Wohnungsgenossenschaften sind vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sowie steigender Immobilien- und Mietpreise eine echte Alternative. Sie vereinen die Vorteile des Wohneigentums mit der Flexibilität des Wohnens zur Miete und werden nicht zu Unrecht als die 'Dritte Säule" neben Miete und Eigentum bezeichnet. Ich bin überzeugt, dass wir mit den verschiedenen Fördermöglichkeiten des Landes - der Mietwohnraumförderung, der Förderung des Erwerbs von Genossenschaftsanteilen und der Moderationsförderung für Bewohnergenossenschaftsinitiativen – den richtigen Weg eingeschlagen haben, um eine gute, sichere und bezahlbare Wohnungsversorgung voranzubringen", so Finanz- und Bauministerin Doris Ahnen, die thematisch in den Abend einführte. Die Ministerin wünschte sich mehr Menschen, die tatsächlich den Weg zum gemeinschaftlichen Wohnen gehen. Denn, und hier zitierte Sie Henry Ford, zusammenkommen, sei ein Anfang, zusammenbleiben, ein Fortschritt und zusammenarbeiten, ein Erfolg.

Die Landesförderung gemeinsam mit den Hausbanken auszureichen, ist Aufgabe der Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz – ISB, so Dr. Ulrich Link, ISB-Vorstand. Er schloss gedanklich den Kreis zum gastgebenden Zentrum Baukultur, dessen Arbeit und Aufgaben er vorstellte. Denn die ISB ist – neben der Architektenkammer Rheinland-Pfalz und dem Finanzministerium ebenfalls Trägerin des Zentrums Baukultur. Bei der Wohnungsbauförderung und bei der Moderationsförderung tritt die ISB als Partnerin der Hausbanken auf.

 

So sind Genossenschaften erfolgreich

Annette Spellerberg, Stadtsoziologin und Professorin von der TU Kaiserslautern, lieferte die empirischen Grundlagen für die Frage, wie Genossenschaften und Wohnungsinitiativen erfolgreich sein können. Für ihre Arbeit hatte sie Initiativen befragt. Dabei spielte die Rechtsform allerdings keine Rolle, ihr Auswahlkriterium war die Frage, ob es tatsächlich um einen gemeinschaftlichen Ansatz ging. Damit fielen einfache Eigentümergemeinschaften aus der Betrachtung heraus. Einbezogen wurden aber Mietergemeinschaften. Denn neben nicht immer müssen die Mitglieder der Initiativen selbst Eigentümer werden. Einige Modelle basieren darauf, mit Wohnungsunternehmen zusammenzuarbeiten. In diesen Fällen treten die Unternehmen als Investoren auf, die Mitglieder der Initiative werden zu Mietern. Sie unterscheiden sich aber ebenfalls durch die Gründung einer Gemeinschaft, die bestimmte Aufgaben wechselseitig für einander übernimmt, von konventionellen Mietergruppen.

"Ich will nicht nur Negatives benennen", so Spellerberg, und machte in ihrem Beitrag dann doch anhand der erkannten Fallstricke deutlich, worauf es ankommt, um als Gemeinschaft erfolgreich zu sein. Entlang der möglichen Problemfaktoren zu argumentieren, darum komme man kaum herum, so Spellerberg weiter, denn erst anhand der Probleme werde klar, welche positiven Voraussetzungen und Weichenstellungen es brauche, damit der Erfolg kommt. Wenn alles glatt läuft, ist es dagegen am Ende schwer zu benennen, was genau zum positiven Ergebnis geführt hat.

Einen Erfolgsfaktor konnte Spellerberg allerdings eindeutig herausarbeiten: zu den wichtigsten Zutaten einer gelingenden Gemeinschaft gehört Geduld. Von der ersten Idee bis zum Einzug können fünf bis sieben Jahre liegen, in denen die Mitglieder der Gemeinschaften zusammenfinden, ihre Vorstellungen miteinander abgleichen, eine geeignete Rechtsform wählen, ein Grundstück finden, den Planungsprozess gemeinsam bewältigen, die Finanzierung stemmen und am Ende ins fertige Projekt einziehen können. Dass auf einem solchen Weg einzelne Interessenten aussteigen und andere dazu kommen können, versteht sich von selbst. Klar ist auch, es gehören Dialogbereitschaft, Konflikt- und Konsensfähigkeit ins Paket. Denn viele gemeinsame Entscheidungen müssen so strukturiert werden, dass sie zur richtigen Zeit getroffen werden und alle sie mittragen können. In diesen heiklen Phasen stellt das Land Rheinland-Pfalz für Genossenschaften eine Moderationsförderung zur Verfügung. Sie ermöglicht es den künftigen Genossen, sich professionelle Hilfe bei der Gründung und bei allen Entscheidungsprozessen dazu zu holen. Ein ganz wichtiger Faktor zum Erfolg, so Spellerberg, denn der einerseits erfahrene, andererseits aber nicht mit eigenen Interessen ins Geschehen eingebundene Blick von außen kann so manche Woge glätten, zwischen gegenläufigen Positionen vermitteln oder auch anstehende Entscheidungen einfordern und verbindlich machen.

 

Zwölf Gillenfelder machen’s einfach

Den rasanten Schlusspunkt des Abends lieferte Karl-Heinz Schlifter. Der Ortsbürgermeister von Gillenfeld erläuterte in einem Parforce-Ritt, wie ein Wohnprojekt als Bewohnergenossenschaft realisiert werden kann, am Beispiel der genossenschaftlichen Generationenwohnanlage "Florinshof am Pulvermaar". Auf einer Baulücke im gewachsenen Ortskern von Gillenfeld entstehen barrierefreie Wohnungen für Ein- und Zweipersonenhaushalte, eine betreute Wohngruppe sowie Gemeinschaftsräume und eine gewerbliche Einheit. Das Projekt ging aus der Initiative "Mehr MITTE, bitte! Ein Wettbewerb für Wohnen und Leben in ländlichen Ortskernen" hervor, die vom Land Rheinland-Pfalz, vertreten durch das Finanzministerium, gemeinsam mit dem Gemeinde- und Städtebund Rheinland-Pfalz und der Architektenkammer Rheinland-Pfalz ins Leben gerufen worden war. Das halbe Dorf, so Schlifter, ist dabeI: sei es als Mitglieder der Genossenschaft, als Ortsgemeindebeirat oder auch als Unterstützer, denn zur Finanzierung wirbt die Genossenschaft auch Einlagen von Menschen ein, die den Gedanken unterstützen möchten, aber zunächst gar keine Wohnungen brauchen. Zwölf Gillenfelder engagieren sich aber im Vorstand und im Aufsichtsrat der Genossenschaft ganz besonders stark. Elan und Erfolg der Gillenfelder wirkten ansteckend. Denn Karl-Heinz Schlifter führte ganz praktisch vor Augen, wie es möglich ist, alle Schwierigkeiten und Fallstricke nicht nur zu umschiffen, sondern dabei als Dorfgemeinschaft noch enger zusammenzuwachsen. Andere Dörfer leiden unter dem demografischen Wandel, Wegzug, Leerstand und sich immer weiter ausdünnender Infrastruktur. Gillenfeld suchte einen Weg aus dieser Abwärtsspirale und hat mit dem "Florinshof am Pulvermaar" einen Weg gefunden, die ärztliche Versorgung und die Frage der Pflege im und für das Dorf zu lösen.

Finanzielle Fakten und die konkreten Förderprogramme im Wohneigentumsprogramm, im Sanierungsprogramm, bei der sozialen Wohnraumförderung und bei der Moderationsförderung hatte zuvor Folker Gratz von der ISB im Detail vorgestellt. Sein Tipp: frühzeitig über die Hausbanken mit der ISB Kontakt aufnehmen und Fördermöglichkeiten ausloten. Immer gilt: Mit den Projekten darf noch nicht begonnen worden sein, wenn es um Förderung geht. Aber die Fördermöglichkeiten können auf Vorrat besprochen und geklärt werden. Beispielsweise fallen mehr als zwei Drittel aller Haushalte in Rheinland-Pfalz in die erweiterten Grenzen der sozialen Wohnraumförderung. Viele, die davon profitieren könnten, wissen dies gar nicht. Ob man mit seinem Haushaltseinkommen innerhalb der Fördergrenzen liegt, kann man einfach bei der zuständigen Stelle der Kreis- oder Stadtverwaltung klären und bestätigen lassen. Ist dieser Schritt getan, stehen viele Fördertöpfe offen.

Die Prinzipien Raiffeisens, hier ergänzten sich die Redner des Abends, gelten auch heute noch. Wohninitiativen haben mit der Rechtsform der Genossenschaft ein gutes Werkzeug dafür, ihre Belange selbst in die Hand zu nehmen. Selbst mitzubringen sind Mut und viel Engagement, um diese Gemeinschaftsaufgabe anzupacken, doch es lohnt sich, diesen Weg zu gehen. Und es stehen inzwischen reichlich Instrumente zur Unterstützung bereit. Nicht nur das Land, auch die VoBa RheinAhrEifel eG, so der Vorstandsvorsitzende Schmidt, unterstützt die Gründung von Wohnungsgenossenschaften in ihrem Geschäftsgebiet durch Beratung.

Dennoch können es nur die Initiativen selbst sein, die ihre Belange in die eigene Hand nehmen. Ihnen Mut zu machen, war Ziel des gelungenen Abends.

Mittwoch, 16. Mai 2018

Volksbank RheinAhrEifel eG, St.-Veit-Straße 6–10, 56727 Mayen

Veranstalter
Zentrum Baukultur Rheinland-Pfalz

Kooperationspartner
Volksbank RheinAhrEifel eG

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