Die Mittagspause bot Gelegenheit zu Gesprächen. (Foto: Markus Kohz, Mainz)

Information | "Nur gemeinsam können wir die Aufgabe meistern."

Infoveranstaltung zu Bürgergenossenschaften, -vereine und -stiftungen im ZB

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sowie steigender Immobilien- und Mietpreise haben sich gemeinschaftliche Wohnformen längst zu einer Alternative zu Miete und Eigentum entwickelt. Zahlreiche engagierte Initiativen wollen Wohnprojekte, verlässliche Hilfsangebote für ein gutes Leben im Alter oder neue Pflegeangebote auf die Beine stellen. Schnell sehen sie sich jedoch einer Reihe von Herausforderung gegenübergestellt. Wie lässt sich eine geeignete Immobilie oder gar ein Grundstück für einen Neubau finden? Woher finanzielle, aber auch personelle Unterstützung beziehen? Und welche Organisationsform eignet sich für das Vorhaben am besten? Diese Fragen standen im Vordergrund der gemeinsamen Informationsveranstaltung des ZB, der ARGE rheinland-pfälzischer Wohnungsunternehmen und des Finanz- sowie des Sozialministeriums des Landes Rheinland-Pfalz am 25. Mai 2018 im Brückenturm in Mainz.

"Bürgerliche Initiativen benötigen staatliche Unterstützung. Denn nur gemeinsam können wir bezahlbaren und bedarfsgerechten Wohnraum schaffen", erläuterte Felix Edlich, Abteilungsleiter für Bauen im Finanzministerium, zum Auftakt der Veranstaltung. Das Engagement seines Ministeriums im Bereich der (sozialen) Wohnraumförderung fuße neben Förderprogrammen und Wettbewerben, wie "Mehr MITTE, bitte!" zur Revitalisierung von Ortskernen, insbesondere auch auf Informationsveranstaltungen, so Edlich.

"Initiativen brauchen ein Signal, dass sie unterstützt werden", pflichtete ihm Christoph Beck vom Sozialministerium bei: "Ein solches Signal geht von Veranstaltungen wie der heutigen aus. Die dicht gefüllten Besucherreihen zeigen eindrücklich, dass das Thema viele bewegt." Schließlich wollen die meisten Menschen auch im Alter und bei Pflegebedarf so lange wie möglich in ihrer Wohnung leben und im gewohnten sozialen Umfeld bleiben. Neben baulichen Voraussetzungen – Stichwort "Barrierefreiheit" – müssten auch neue Formen des Miteinanders mitgedacht werden, innerhalb der Wohnung, des Hauses, aber auch im Dorf oder Quartier. Als Ergänzung sollten professionelle (Pflege-) Dienste hinzugezogen werden. Beck verwies auf die kürzlich vom Sozialministerium herausgegebene Broschüre "Bürgergenossenschaften für Hilfsnetzwerke und neue Wohnformen", in der vier gelungene Projekte vorgestellt werden, sowie auf die Website www.wohnen-wie-ich-will.rlp.de, in der sich Interessierte auch über Fördermöglichkeiten informieren können. Abgerundet wurde die Begrüßung durch Roswitha Sinz von der ARGE rheinland-pfälzischer Wohnungsunternehmen, der insgesamt 64 Unternehmen angehören, die im Verband der Südwestdeutschen Wohnungswirtschaft (VdW südwest) oder im Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft Rheinland Westfalen (VdW Rheinland Westfalen) organisiert sind .

"Es gibt viele gute Initiativen. Zahlreiche scheitern jedoch. Woran liegt das?", diese Frage warf Prof. Dr. Annette Spellerberg, Stadtsoziologin und Professorin an der TU Kaiserslautern, in ihrem Impulsvortrag auf. Anhand der Ergebnisse ihrer Studie "Erfolgsfaktoren im Entstehungsprozess von Wohnungsgenossenschaften" zeigte sie nicht nur Hemmnisse, sondern vor allem auch Chancen für die Verbreitung des Genossenschaftsmodells in Rheinland-Pfalz auf. "Geduld ist ein wichtiger Erfolgsfaktor. Denn von der ersten Idee bis zum Einzug können fünf bis sieben Jahre liegen, in denen die Mitglieder sich zusammenfinden, ihre Vorstellungen miteinander abgleichen, eine geeignete Rechtsform wählen, ein Grundstück finden, den Planungsprozess bewältigen und die Finanzierung stemmen", betonte Spellerberg. Dass auf dem Weg einzelne Interessenten aussteigen, andere dazu kommen können, verstehe sich von selbst. Dialogbereitschaft, Konflikt- und Konsensfähigkeit seien gefragt, um gemeinsam Entscheidungen zu treffen. Der teils steinige Weg zum gemeinschaftlichen Wohnen lohne sich aber, die Zufriedenheit bei den Bewohnern sei hoch. "Meiner Erfahrung nach entstehen Initiativen vorwiegend im städtischen Umfeld, haben aber eine Initialwirkung für den ländlichen Raum. Besonders erfolgreich sind Mietprojekte im Neubau", resümierte Spellerberg. Bislang handele es sich noch weitgehend um "Projekte für Mittelschichten".

Genossenschaften sind "in" 

"Als Genossenschaften waren wir immer schon Trendsetter", sagte Karl-Heinz Abraham, der die empirischen Befunde von Spellerberg nur bestätigen konnte. Dass der Genossenschaftsgedanke, der auf Friedrich Wilhelm Raiffeisen zurückgeht, gerade auch im Wohnungsbereich Früchte trägt, veranschaulichte der , ehemalige Vorstand des 1905 gegründeten Wohnungsvereins eG Herne am Beispiel der Mehrgenerationenwohnanlage "Straße des Bohrhammers 3" in Herne. Der Erfolg des Wohnprojekts beruhe in erster Linie auf der Einbeziehung der Bewohner in die Planungsphase und dem mit 3.500 Euro Genossenschaftsanteile pro Wohnung niedrigschwelligen Zugang. "Bestandsgenossenschaften sind aus ihrer Tradition heraus der ideale Partner für gemeinschaftliche Wohnformen. Die Wohnzufriedenheit bei den Bewohnern ist hoch, Probleme gering", lautete das Fazit Abrahams.

Stephan Gerwing, Justiziar bei der VdW südwest, bestätigte: "Genossenschaften sind ,in´." Und das aus gutem Grund: "Bei der Rechtsform der Genossenschaft ist die Investitionsquote mit Abstand die niedrigste", so Gerwing, räumte aber zugleich auch ein, dass rund 80 Prozent der Genossenschaften an den hohen Anforderungen der Gründungsprüfung scheiterten. Fünf bis sechs Monate dauere die Prüfung, wenn es gut laufe. Das führe insbesondere in Ballungsgebieten zum Dilemma. "Die Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt ist groß. Ist die passende Immobilie, das passende Grundstück dann endlich gefunden, steht der Kauf bei (noch) fehlender Eintragung als Genossenschaft auf der Kippe", warnte Gerwing. Sein Tipp: Auf eine ganzheitliche Beratung setzen und Fachbeistand früh in den Prozess einbinden. Neben Beratungsunternehmen können vor allem auch Bestandsgenossenschaften unter ihrem Dach, quasi im Huckepack-Verfahren, Sicherheit und Struktur für ein Wohnprojekt bieten.

Auch Bürgerstiftungen und Mietvereine gewinnen an Popularität

Doch nicht nur Bürgergenossenschaften, auch Bürgerstiftungen gewinnen in Rheinland-Pfalz an Popularität, wie Christiane Steinmetz, erste Vorsitzende der Bürgerstiftung Pfalz, und Stefanie Hübner, Stiftungsaufsicht bei der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD), in ihren Vorträgen deutlich machten. Die Idee stammt aus Amerika, wo Bürgerstiftungen als "Community Foundations" schon lange bekannt sind. In Deutschland ist der Begriff der Bürgerstiftung nicht gesetzlich geregelt und auch nicht geschützt. Bürgerstiftungen sollten – der Begriff impliziert es bereits – gemeinnützig sein, lokal begrenzt, von mehreren Menschen ins Leben gerufen werden und bürgerliches Engagement fördern. "Mit einer Stiftung lässt sich über lange Zeit und über Generationen hinweg ein bleibendes Ziel verfolgen, denn sie existieren unabhängig vom Stifter weiter", erläuterte Hübner. Die Weichen zur Gründung einer solchen Bürgerstiftung in Rheinland-Pfalz seien mit einem anfänglichen Grundstockvermögen von mindestens 25.000 Euro deutlich niedriger als im Nachbarland Hessen. "In den vergangenen siebzehn Jahren sind in Rheinland-Pfalz viele Stiftungen dazugekommen, weitere Kommunen befinden sich in Gründungsvorbereitungen. Somit ist die Bürgerstiftung bei uns auf dem besten Weg zu einer dauerhaften Erfolgsgeschichte zu werden", so Hübner.  

Vervollständigt wurde das Vortragsprogramm von Erfahrungsberichten zur Organisationsform Mieterverein. Zunächst präsentierte Lydia Fleddermann das Wohnprojekt VIS-a-VIS in Mainz, das unter maßgeblicher Unterstützung von Berit Herger von der Landesberatungsstelle Neues Wohnen Rheinland-Pfalz realisiert worden war. "Von Anfang an war für uns klar, dass wir zur Miete wohnen wollen. Wir, das ist ein bunter Haufen, zu dem mittlerweile zehn Paare und einundzwanzig Singles über 50 Jahren gehören", so Fleddermann. Herger konstatierte: "Man muss nicht immer selbst bauen, um zusammen wohnen zu können. Mietervereine als Partner von Wohnungsunternehmen sind der Schlüssel hierfür." Neben der verhältnismäßig einfachen Gründung, kurzen Planzeiten, kalkulierbaren Wohnkosten und einem überschaubaren Risiko, besitze diese Organisationsform auch Vorzüge für den Vermieter: Die Mietergruppe ist in der Regel relativ stabil und geht mit der Bausubstanz pfleglich um. Das Mietausfallrisiko ist gering, zumal das Beschwerde-Management auf den Mieterverein übertragen wird. "Wir übergeben ihnen heute die Verantwortung für den Hausfrieden", hieß es denn auch in dem Cartoon, an dem Herger das Organisationsmodell erläuterte.

"Wirken Sie weiter daran mit, das Thema kreativ voranzutreiben", ermutigte Stadt- und Regionalplanerin Kristina Oldenburg von kokonsult in Frankfurt am Main, die die Veranstaltung moderierte, die Anwesenden in ihrem Schlusswort.

Die Vorträge und Präsentation der Veranstaltung finden Sie unter www.wohnen-wie-ich-will.rlp.de

Freitag, 25. Mai 2018

Zentrum Baukultur im Brückenturm | Rheinstraße 55 | 55116 Mainz

Veranstalter
Zentrum Baukultur Rheinland-Pfalz

Kooperationspartner
ARGE rheinland-pfälzischer Wohnungsunternehmen
Ministerium der Finanzen des Landes Rheinland-Pfalz
Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundhe itund Demografie des Landes Rheinland-Pfalz

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